Die Kutsche

Mit Urs freundete ich mich an, als wir zehnjährig ins Gymnasium kamen und auf der Schulbank nebeneinander saßen. Nachdem die ersten wirren Tage des Zurechtfindens und Kennenlernens vorüber waren, fielen uns die Gemeinsamkeiten auf, die wir hatten. Wir waren beide weder Athleten noch Sporttypen, auch nicht lärmend und nach Dominanz strebend, hatten gute, aber keine herausragenden Noten im Übertrittszeugnis, lasen gern, hatten ordentlich verdienende Eltern, keine Geschwister und fanden die Welt als Ganzes und die Menschen um uns herum interessant und auch verwunderlich, machten Glossen darüber und belachten sie.
Es war in den Jahren vor dem Krieg und es gab weder modische Klamotten für Kinder noch Tanzveranstaltungen, mobile Telefone kamen noch nicht einmal in den Zukunftsromanen vor, die wir gemeinsam lasen, in den Wohnungen der Eltern standen keine Fernsehapparate, die Röhrenradios waren plump und groß und die Kinofilme schwarzweiß.
Es dauerte nicht lange, dann fragte mich Urs, ob ich einmal mit ihm nach Hause käme? Mein Zögern war nur kurz, dann sagte ich ja und fragte meine Eltern um Erlaubnis. Das taten Kinder damals. Urs wohnte in einer „guten Gegend“, wo große Häuser in noch größeren Gärten standen und es nur wenig Verkehr auf den Straßen gab. Urs‘ Eltern waren daheim und begrüßten mich freundlich und sagten, es sei schön, dass ich gekommen sei, Urs erzähle viel von mir. Mir fielen die gemessenen Manieren der Beiden auf, fast hätte man sie kühl nennen können, aber ein Bub ist für so etwas nicht sehr sensibel. Wir gingen die breite Treppe hinauf zu Urs‘ Zimmern. Er hatte zwei, ein Schlafzimmer und ein Studio, wie er es nannte. Es waren Bücherschränke darin, ein Schreibtisch und Spielzeug auf Regalen. Mein Zimmer daheim war kleiner und nicht so reich ausgestattet, aber nach Bubenart war ich nicht sehr beeindruckt und schaute ohne Scheu die wirklich wunderschönen Stabilo-Metallbaukästen an und das silberfarbene Modell eines Mercedes-Rennwagens, wie ihn Bernd Rosemeyer fuhr.

Form: Shortstory
Thema: Horror
Stichwörter: Verzaubertes Bild
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