Meinem Vater, der aus dem letzten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts stammte, wurde Zeit seines Lebens von Funktionären sehr unterschiedlicher Ideologien das Label aufgepickt, ein „Kaiserzeitgeprägter“ zu sein. Wenn hinter diesem Gewäsch sich auch nur die Unfähigkeit der Kritiker verbarg, Werte wie Treue, aufrechte Gesinnung, eigene, überlegte Meinung, ihre ungescheute Äußerung und gelebte Tapferkeit zu erkennen und als Maßstab für sich selbst anzunehmen, so wurde das ideologieverseuchte 20. Jahrhundert doch zum allgemeinen Unheil davon geprägt.
Unbewusst, ungewollt und wie zufällig (aber gibt es den Zufall eigentlich?) legte mein Vater als junger Mann die Probe einer kaiserzeitgeprägten Gesinnung ab, die heute bizarr, aberwitzig und unglaubhaft erscheint, nichtsdestoweniger in jedem Detail wahr und echt ist. Von ihr zu berichten habe ich mir seit langen innig gewünscht.
Mein Vater erfuhr eine imaginäre Potenzierung seiner Prägung durch den Umstand, dass er in Jena studierte und (obwohl er aus einem anderen der zahlreichen deutschen Fürstentümer gebürtig war) bei der Großherzoglich Sächsisch-Weimarer Infanterie den Wehrdienst ableisten mußte. Ab April 1914 diente er im 94. Infanterieregiment und trug eine von Blau, Rot und Gold dominierte Uniform und einen ledernen Helm mit einer koketten Spitze obendrauf. Ihm und bestimmt allen anderen Soldaten war nicht voll bewusst, dass sie einer Duodezarmee angehörten, die aus der Epoche des Vaters des berühmten Goethefreundes Ernst August stammte, einer Imitation des preußischen „Soldatenkönigs“, der das Herzogtum Sachsen-Weimar so verschuldet hatte, dass des jungen Goethe erste Tat als Minister war, die Armee zu halbieren und den Staatshaushalt zu sanieren.
Dies nur eben angedeutet, mag uns Heutigen wenigstens eine Ahnung davon geben, wie das Lebensumfeld der Menschen vor mehr als hundert Jahren war – so lange her ist es ja gar nicht!
Mein Vater geriet in den 1. Weltkrieg mitten aus dem „Gamaschendienst“ einer gemütlichen Friedensarmee und wie ich heute in seinem, zum Glück erhaltenen, Wehrpass, lese umfasst die Liste der Schlachten und Gefechte, die er mitmachen und durchstehen mußte, zwanzig Einträge. Es scheinen dabei Namen auf, die heute in allen Geschichtsbüchern stehen. Die Schlacht an den Masurischen Seen, die Schlachten an der Somme und bei Arras und gleich in drei aufeinanderfolgenden Perioden die Stellungskämpfe von Verdun. Zuletzt lag mein Vater, inzwischen Offizier geworden, in der Weuvre-Ebene in einem Gewirr von Schützengräben, Sappen und Unterständen, ganz vorn in der ersten Linie, nur ein Stacheldrahtverhau vor sich, in Rufweite, aber außerhalb der Wurfweite von Handgranaten der französischen Gräben.
Kommentare
toll
Hallo,
toll, wie Sie die Stimmung in den Schützengräben eingefangen haben und beschreiben, wie dieser besondere Waffenstillstand zustande kommt. Und dass Ihr Vater vor fast 100 Jahren daran beteiligt war, macht die Geschichte zu etwas ganz besonderem.
Viele Grüße,
Wolfinho
Sehr gut!
Ich schließe mich dem Urteil Wolfinhos an. Eine sehr dichte und beklemmende Schilderung . Nur den Auftakt halte ich für misslungen. Was meint der Autor, wenn er vom "Gewäsch" der nicht näher Definierten über die Kaisertreuen spricht? Immerhin haben die europäischen Monarchen ihre Untertanen mit Begeisterung und fast ohne Skrupel in diese Katastrophe geschickt. Wen wundert es da, dass Monarchisten und deren Werte nach dem Krieg abgewirtschaftet hatten. Um welches Gewäsch es sich handelt, erfahren wir Leser leider nicht.